Virtuelles Interview zu ausgestiegen.com

Die FAQs zum Nachlesen

Stand: Oktober 2012

Wie sind Sie auf die Idee zu ausgestiegen.com gekommen?
Als ich keine Lust mehr auf soziale Netzwerke hatte, habe ich mit einem Freund gescherzt, dass es lustig wäre, wenn man eine letzte Statusmeldung auf einer unabhängigen Webseite hinterlassen könnte: "Auf einer Seite wie... ausgestiegen.com - Haha!" Daraufhin habe ich die Domain registriert und die Webseite gebaut.

Was kann man auf ausgestiegen.com alles machen?
ausgestiegen.com bietet bot für Aussteiger aus sozialen Netzwerken die Möglichkeit eine so genannte Ausstiegsmeldung im Netz zu hinterlassen, um der Welt mitzuteilen, dass ihre Zeit in einem bestimmten webbasierten sozialen Netzwerk vorbei ist. Menschen, die aus einem webbasierten sozialen Netzwerk aussteigen wollen, aber nicht wissen wie, können hier Anleitungen nachlesen. Grundsätzlich versteht sich ausgestiegen.com als Medium, das die Diskussion über webbasierte soziale Netzwerke und deren Auswirkungen auf den Einzelnen und die Gesellschaft fördern will!

Seit wann gibt es ausgestiegen.com?
ausgestiegen.com ist seit Ende April 2009 online.

Für welche Region ist ausgestiegen.com gemacht worden?
ausgestiegen.com ist für den deutschsprachigen Raum gemacht worden, also für Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Wollen Sie von ausgestiegen.com auch einen internationalen Ableger machen?
Nein. Zur Zeit gibt es keine Pläne dafür.

Was sind die Gründe, weshalb Menschen aus webbasierten sozialen Netzwerken aussteigen?
Die Gründe können sich sehr stark unterscheiden. Ein großer Punkt ist aber das Thema Datenschutz. Mir ist aufgefallen, dass es dabei drei Ausprägungen gibt. Der erste wesentliche Punkt ist, dass der Nutzer eines webbasierten sozialen Netzwerkes Daten beim jeweiligen Anbieter hinterlässt. Und viele beginnen sich zu fragen, was der Anbieter nun wirklich mit diesen Daten macht. Verkauft er sie oder verarbeitet er sie "bloß" für gezielte Werbung? Zweitens geht es um die Daten, die so genannten Peers, also andere Nutzer, einsehen können. Das klassische Beispiel an dieser Stelle ist ein potenzieller Arbeitsgeber. Viele wollen zu Recht nicht, dass jemand Dinge über sie weiß, von denen sie selbst nicht nachvollziehen können, ob er oder sie sie tatsächlich weiß. Und drittens erlangen so genannte Drittanbieter vermehrt Zugriff auf Profilinformationen. Beispielsweise können dann vermeintlich harmlose Anbieter eines Quiz der Marke "Welche Nudelsorte bist Du?" meine Daten auslesen und nutzen, weil ich ja durch die Nutzung des "Dienstes" meine Zustimmung dazu gegeben habe. Hier entzieht sich dem einfachen User in der Regel, wie seine oder ihre Daten verwendet werden und wie er oder sie das nachvollziehen und überprüfen kann.
Dazu hat Maria Hahn eine ausgezeichnete Arbeit unter dem Titel Genug von virtueller Freundschaft? verfasst. Sie untersuchte dazu Ausstiegsmeldungen von ausgestiegen.com und hat sie unterschiedlichsten Motiven zugeordnet.

Wollen Sie, dass alle aus webbasierten sozialen Netzwerken aussteigen?
Nein, darum geht es bei ausgestiegen.com nicht. Der Punkt ist, dass die Meinungshoheit über webbasierte soziale Netzwerke nicht den Anbietern alleine überlassen werden sollte. Ich denke, dass ausgestiegen.com dazu seinen Beitrag leistet.

Warum rufen Sie aus dem Ausstieg aus sozialen Netzwerken auf?
Das ist ein Irrtum, ich rufe nicht zum Ausstieg aus sozialen Netzwerken auf! Das ist auch nicht der Sinn der Seite. Ich denke, dass es bei vielen Menschen das diffuse Gefühl gibt, dass die Entwicklungen rund um webbasierte soziale Netzwerke in einem wertfreien Sinne "eigenartig" sind. Das was ausgestiegen.com schafft, ist dieses diffuse Gefühl aufzugreifen und zu kanalisieren. Insofern ist ausgestiegen.com kein Aufruf zum Ausstieg aus sozialen Netzwerken, sondern die Summe der Meinungen der Menschen, die hier posten. Auf diese Meinungen habe ich keinen Einfluss.

Was soll jemand machen, der oder die gerade ausgestiegen ist?
Man könnte zum Telefon greifen oder jemanden einen Besuch abstatten. Die Entzugserscheinungen sind anfangs etwas ungewohnt. Vor allem auch, weil man plötzlich Zeit hat. Es ist so ähnlich wie mit dem Rauchen aufzuhören.

Machen Sie Geld mit ausgestiegen.com?
Es ist definitiv kein Ziel ausgestiegen.com im klassischen Sinn zu kommerzialisieren. Deshalb gibt es auf ausgestiegen.com auch keine bezahlte Werbung. Die Werbung, die eingeblendet wird, sind Links zu Projekten die ich unterstützenswert finde. Die einzige Einnahmequelle ist der T-Shirt-Verkauf. Der läuft so toll, dass ich bald die Domaingebühren für das laufende Jahr damit verdient habe! Vielleicht kann ich mir davon in zwei, drei Jahren auch selbst mal ein T-Shirt leisten.
Ich habe mich nach längerem Überlegen dazu entschlossen etwas Geld für die Domain und den Webspace mit dem Einblenden von Google Werbung zu verdienen. Den T-Shirt-Shop zu ausgestiegen.com gibt es nach wie vor unter http://130533.spreadshirt.net, ich bewerbe ihn aber nicht mehr, da schon länger keine Käufe getätigt wurden. Ansonsten wird eine Hand voll Banner eingeblendet, die Projekte bewerben, die ich persönlich unterstützenswert finde.

Wie viele Ausstiegsmeldungen wurden auf ausgestiegen.com schon gepostet?
Es gibt 10 Ausstiegsmeldungen pro Seite. Wenn Sie auf die erste Seite klicken, sehen Sie wie viele Seiten schon generiert wurden und können sich die jeweils aktuelle Zahl errechnen. Beispielsweise würden also bei 100 Seiten 1000 Ausstiegsmeldungen gepostet worden sein.
Auf ausgestiegen.com wurden in der Zeit vom April 2009 bis zum September 2012 insgesamt 4789 Ausstiegsmeldungen veröffentlicht. Der Vollständigkeit halber möchte ich auf folgende Punkte hinweisen: es wurden vereinzelt Ausstiegsmeldungen gelöscht, wenn sie offensichtlich unsinnig, rassistisch, sexistisch oder sonstwie unpassend waren. Weiters wurden Duplikate von Einträgen gelöscht (was passiert ist, da offenbar die Seite nach dem "Absenden" nicht schnell genug reagiert hat). Einige der Ausstiegsmeldungen stammen auch von mir (vor allem jene mit Links zu "tagesaktuellen" Ereignissen rund um soziale Netzwerke).

Wieviele Besucher hat ausgestiegen.com im Schnitt pro Monat?
Dazu mache ich keine Angaben.

Hat Facebook (oder ein anderes soziales Netzwerk) auf ihre Webseite reagiert? Wurde vielleicht sogar versucht gegen ausgestiegen.com juristisch vorzugehen?
Facebook hat darauf überhaupt nicht reagiert. Die haben das, meiner Meinung nach, auch gar nicht nötig. XING hat aber meinen "Geister-Account" deaktiviert. Eine wirkliche Begründung gab es nicht, nur eine Standard-System-Mail, dass es passiert ist. Ob das aufgrund einer Routine des Systems zum Finden von Fake-Accounts oder aufgrund der Berichterstattung bewusst herbeigeführt wurde, frage ich mich bis heute.

Kooperieren Sie mit der Web 2.0 Suicide Machine, die ja u.a. auch von einem Österreicher ist?
Gar nicht. Ich nehme deren Schaffen natürlich zur Kenntnis. Wir haben aber keinen Kontakt.

Ist ausgestiegen.com nicht in Wahrheit anachronistisch und eine romantisierte Fortschrittsverweigerung? Auch als das Handy gekommen ist, hat es Leute gegeben, die sich anfangs verweigert haben. Jetzt verwendet es jeder!
Das mag schon sein, dass es vor zehn Jahren Handyverweigerer gegeben hat. Ein wesentlicher Unterschied ist aber, dass Mobiltelefonie eine Basistechnologie war und ist. Ein webbasiertes soziales Netzwerk hingegen ist ein Angebot von vielen im Web. Ich verwende das Internet in seinen vielfältigen Ausprägungen seit Mitte der Neunziger-Jahre. Deshalb konnte ich schon mehrere Trends sehen und beobachten, wie das digitale Volk von einem Dienst zum anderen weitergewandert ist. Zum Beispiel war, unvorstellbar heutzutage, bei meinen Freunden E-Mail wirklich cool und man wählte sich um teures Geld beim Provider in Wien ein, um die Mails der Freunde runterzuladen - die man im übrigen sowieso am Vormittag in der Schule gesehen hatte. Es blieb natürlich nicht bei E-mail. Es folgten dann die ersten weit verbreiteten Chatprogramme wie ICQ. Das wurde aber irgendwann auch wieder abgelöst von diesem Messenger und dann von dem usw. usf. Plötzlich wandert das, ganz dem mir an sich sehr sympathischen Trend entsprechend, ins Netz und es wird so getan als ob das neue Formen der Kommunikation sind. Aber das stimmt so nicht, weil nicht mal das Prinzip der "Formalisierung von Beziehungen" in Form von Freundschaftsanfragen von webbasierten sozialen Netzwerken kommt, sondern beinahe schon immer in Chats so verwendet wurde. Was ist also so neu, besser und grundlegend wichtig daran Beziehungen auf diese, meiner Meinung nach, exhibitionistische Art und Weise ins Web zu transferieren? Ich lege Wert darauf, dass meine sozialen Beziehungen privat sind. Ich denke, dass es auch andere Menschen gibt, die diesen Trend nicht mitmachen werden und bereits für sie befriedigende Möglichkeiten gefunden haben, um mit Freunden, Bekannten und Kollegen in Kontakt zu bleiben.

Warum reden Sie immer von "webbasierten" sozialen Netzwerken?
Weil die Idee von sozialen Netzwerken so alt ist wie die Menschheit selbst und die Angebote im Web nur versuchen, bereits bestehende Beziehungen abzubilden. Sie haben insofern keinen "kreativen" Charakter und sind eben auf Technologien des Web angewiesen. Deshalb auch die klare Abgrenzung durch die Wortwahl "webbasierte soziale Netzwerke".

Wie sieht die Zukunft von webbasierten sozialen Netzwerken aus? Wird es sie in zehn Jahren auch noch geben?
Davon ist auszugehen. Ich glaube aber, dass der Höhepunkt ihrer Akzeptanz bald überschritten ist und auch die momentanen Stars von neuen Angeboten abgelöst werden. Das würde zumindest dem Muster der letzten zwanzig Jahre entsprechen. Ich glaube auch nicht, dass die Abwicklung der Kommunikation über einen zentralen Anbieter, der zu 100 Prozent Einblick in alle meine Unterlagen hat, der Weisheit letzter Schluss ist.